#WIR
Alles geht. Anders, aber gut.

 

Die Geschichte des Unfalles, der mich das Gehen gekostet hat, ist auch eine Geschichte des kleinen und großen Glücks…

 

1.023 Tage. So lange ist es her, dass ich meine letzten Schritte gegangen bin. 2 Jahre, 9 Monate und 18 Tage seit ich mich „auf“ zwei Armen und vier Rädern durchs Leben manövriere. Ein neues Leben im Rollstuhl. Daran wird sich bis zum Ende meiner Tage wohl nichts mehr ändern. So viel Realismus bin ich mir selbst schuldig. Und so viel Realismus gönne ich mir auch, jetzt, da der schlimmste Schmerz, die große Trauer überstanden sind. Vor 1.023 Tagen, am 26. April 2016 bin ich bei einem Unfall zu Hause aus meinem alten Leben gefallen und in einem völlig neuen aufgeschlagen. Die unabänderliche Folge lautet „komplette Querschnittlähmung ab dem 9. Brustwirbel“ und bedeutet: ab dem Nabel tote Hose. Wäre ich einen Tag später gestürzt, wäre ich in 30 cm Neuschnee gelandet. Der legendäre Tiefwintereinbruch Ende April 2016. Fünf Tage später wollte ich bei einem Halbmarathon starten, ich hatte so fleißig trainiert. Außerdem wollte ich in diesem Frühjahr mit einer Freundin wieder einmal via Klettersteig den höchsten Berg der Karawanken bezwingen. Doch nun hieß es: Rollstuhl statt Hochstuhl, Intensivstation statt Höhenflug, sitzen statt laufen. So kann’s gehen, wenn plötzlich nichts mehr geht, am allerwenigsten man selber.

 

Doch all das „wäre“, „hätte“, „wollte“, „würde“ und die anderen Konjunktive muss man nach so einer Zäsur aus seinem Wortschatz streichen, denn eine Querschnittlähmung lässt sich nicht verhandeln. Sie ist gekommen, um zu bleiben. In meinem Fall kommt sie im Schlepptau einer wunderhübschen Ärztin, die mir auf die bange Frage der Fragen, ob ich je wieder gehen werde können, klipp und klar ins Gesicht sagt: „Nein, Sie werden nie wieder gehen können.“ So sehr ich sie in diesem Moment hasse, so sehr bin ich auch dankbar, dass sie mich mit keinen falschen Hoffnungen quält. Kurz, knapp und verdammt schmerzvoll ist die bessere Variante, wenn man geschunden inmitten von Schläuchen, Kabeln und dem eigenen, übergroßen Entsetzen liegt. Doch es ist auch in jenen alptraumhaften Tagen da, das Glück. Ich durfte es in vielerlei Gestalt und Form sehen und erleben. Von diesem Glück, den kleinen und großen Lichtblicken in einer sehr dunklen Zeit, berichte ich gern. Es hat mein Leben aufs Neue gerettet und mein neues Leben erst möglich gemacht…

 

 

Das größte Glück nach dem Aufschlag in meiner Hölle auf Erden kommt wenige Tage nach dem Moment mit der wunderhübschen Ärztin. Es kommt in Gestalt meines Mannes. Er kniet sich zu meinem Bett, nimmt meine Hand und sagt zu mir, dem zerbrochenen, verängstigten, tränenleeren Wrack: Wir kriegen das hin, ich lass‘ dich nicht allein. Mehr als diesen Satz brauche ich nicht. Von diesem Moment an geht es voran. Bergauf. Hinein in den Kampf. Kaum ist dieser Satz gesprochen, erkämpfe ich mir mit verbissener Entschlossenheit und ungebrochener Motivation mein Leben zurück. Schritt für Schritt. Ich toleriere ungekannte Schmerzen, die mir den Atem rauben und erobere mir meine (neue) Welt zurück, jeden Tag ein bisschen mehr. Aufrecht sitzen! Etwas vom Boden aufheben! Mir die Schuhe anziehen! Mich ohne Hilfe duschen! Ich fühle mich täglich wie ein kleines Kind, das jedem in Rufweite entgegenjubeln will  „Schau her, was ich schon alles kann!“ Und ich will alles können, will mich beweisen, will meiner Familie beweisen, dass ich für sie kämpfe.

 

Es ist allerdings nicht nur meine Familie, die sich hinter mich gestellt hat. Es sind auch Freunde und unzählige mir völlig Fremde, die plötzlich in mein Leben platzen wie bunte Seifenblasen und mir schreiben, mich besuchen und Kraft geben und auf vielfältigste Arten mir und meinen Lieben helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Von dieser riesengroßen Welle der Hilfsbereitschaft zehre ich noch heute, es ist ein Gefühl des Getragenwerdens, das ich mein Lebtag nie vergessen möchte.

 

Natürlich leide ich auch. Alles andere wäre gelogen. Niemand sagt, dass so ein Brocken leicht zu schultern ist. Ich kämpfe mit Alpträumen, mit dem „Hätte, wäre ich…“, jede Nacht und auch an manchen Tagen verfolgen mich die Monster dessen, was passiert ist. Ich kann noch spüren, wie sich Schritte anfühlen, wie gut das Laufen tut. Ich trauere um meine Beine, ringe mit dem Alb auf meiner Brust um jeden Atemzug, weine mir täglich einen Wolf, die Tränen fließen, bis ich keine mehr habe. Es tut so schrecklich weh. Es ist nicht nur mein Rückgrat gebrochen, auch mein Herz ist zersprungen. Es zerspringt jeden Tag aufs Neue in diesen ersten Wochen und jeden Tag klaube ich die Scherben auf und setze mich und mein Herz wieder zusammen. Mein Wille erscheint mir in diesen Tagen im Frühsommer ‘16 übermenschlich. Er begleitet mich bis heute.

 

Doch es ist nicht nur der Wille, der mich während all der Nachwehen des Unfalls auf Schiene hält und mich funktionieren lässt. Es ist auch meine Einstellung, meine innere Haltung, die sich mit meinem neuen Sitzplatz im Rollstuhl völlig verändert hat: erste Reihe fußfrei, der Blickwinkel ist plötzlich unverstellt. Bühne frei, für das, was wirklich zählt. Ich erkenne es sofort, klar und deutlich, mein Glück im Unglück. Ich habe so viel davon. Nicht nur Familie und Freunde, die mich tragen und anschubsen, sollte ich es brauchen.

 

Ich habe meine Arme, auf die ich mich stützen kann.

Ich habe meine Hände, mit denen ich nach wie vor meine Kinder streicheln und halten kann.

Ich habe meinen Kopf, dem die Phantasie nie ausgehen wird.

Mir wurde erneut das Leben geschenkt.

Und noch einmal: Ich habe meine Familie.

 

An einem der weniger guten Tage frage ich meinen Mann, „wie hältst du das nur aus, das ganze Unglück?“ Er sieht sich um, schaut auf mich und die lärmende Bande und sagt „Ich sehe nur das Glück.“ Ich will protestieren, aber es geht nicht. Jede Widerrede ist zwecklos.

 

Fünf Wochen nach dem Sturz darf ich das Krankenhaus verlassen. Ich brauche die Zeit daheim, ehe ich für unbestimmte Zeit auf Reha fahren muss. Doch kaum komme ich zuhause an, folgt auch schon der nächste Schock. Ich bekomme es regelrecht um die Ohren gehauen, was ich alles nicht mehr kann. Dinge wegräumen, kochen, Tisch decken, Wäsche waschen…. Unzählige rote Ampeln leuchten mir entgegen, das ganze Haus ist voller Stopp-Schilder, die mich von oben herab hämisch aufhalten wollen. Wollen! Dabei bleibt es auch. Denn selbst in dieser Situation schickt mir der Himmel einen Engel. Eine ganz besondere Freundin ist noch am Tag 1 zur Stelle und hilft, wo sie nur kann. Sie bleibt gleich den ganzen Sommer 2016 und greift meiner Familie unter alle 8 Arme und Ärmchen, als ich in der Reha 12 Wochen lang das Leben neu lerne. Auch dieses Glück ist eigentlich nicht zu fassen.

 

Sogar das Timing meiner Behinderung ist im Nachhinein betrachtet „gut gewählt“, wenn man das so sagen kann. Ich bin noch relativ jung, mein Alter hindert mich nicht daran, mein Leben und mich selbst komplett umzukrempeln. Ein nicht zu vernachlässigender Vorteil im Nachteil. Je früher man lernt, im Fall eines (Un)Falles mit einem völlig veränderten Körper umzugehen, desto besser. Auch meinen Laufehrgeiz hat mir der Himmel gerade noch rechtzeitig geschickt. Wäre meine Lunge völlig untrainiert gewesen, hätte mir die massive Lungenentzündung, die sich durch eine Einblutung als zusätzliche „Garnitur“ ins Gesamtbild geschummelt hat, mehr als nur den Atem rauben können.

 

Also: Alles, was recht ist, es ist nicht alles schlecht. Wohin ich mich auch drehe und wende.

 

Zum Thema Timing muss ich auch sagen, dass das 21. Jahrhundert für Querschnittgelähmte ohnehin viele Segnungen parat hält. Auch das empfinde ich als Glück. Es gibt heutzutage nichts, was es nicht gibt auf dem Sektor Reha-Technik und (Selbst-)Pflegehilfsmittel. Und in Österreich wird den Opfern von Unfall oder Krankheit noch dazu vieles davon finanziert. Oft hört man ein Jammern, dass selbst das noch zu wenig ist, ich jedoch empfinde es nicht so. Ich bin dankbar, dass ich einen hervorragenden Rollstuhl fahren darf, der mich ab sofort weiter durchs Leben trägt. Ich liebe die Unabhängigkeit, die mir die spezielle Handschaltung in meinem Auto ermöglicht. Ich kann überall hin. Kann mich selbstständig pflegen. Kann alles machen, was ich will. Anders, aber gut.

 

Mittlerweile sind über zweieinhalb Jahre vergangen seit jenem 26. April 2016. Die „Yes, I can!“-Euphorie, wenn ich es so bezeichnen kann, des ersten Jahres ist mit Sicherheit verflogen und ich bin im Alltag angekommen, dem mich ganz neue, andere Sorgen auf Trab halten. Dieser Alltag ist also keinesfalls rosig und himmelblau und maximal schäfchenwolkig. Aber bei wem ist er das schon? In meinem Fall und in dem meiner unzähligen Schicksalsgenossen auf der ganzen Welt kommt eben „einfach“ noch ein erschwerender Aspekt zum täglichen Pensum dazu.

 

Das Leben mit Behinderung ist nämlich unterm Strich genau das: gehindert, verhindert, BEhindert. Das darf es auch sein. Zwanghaftes Schönreden kann als eine Art Selbstschutz nach der großen Katastrophe fungieren und als solches hilft es sicher, bei Verstand zu bleiben. Aber nachdem man erstmal auf seinen Sitz-Platz verwiesen wurde, ist das neue Leben in erster Linie eines: noch weniger einfach, beschwerlich, schmerzhaft. Trotzdem beharre ich darauf, dass einem das Glück auch im größten Unglück in vielerlei Form begegnet. Das lasse ich mir nicht nehmen. In jeder Krise steckt auch eine Chance. Wenn man will! Solange man trotz aller Trauer und allem Schmerz in der Lage ist, es zu erkennen, anzunehmen und wertzuschätzen, kann man auch dann wieder auf die Beine kommen, wenn die Beine unter einem für immer versagen.

 

Ich habe so viel Glück. Ich bin nicht allein. Und ich darf leben. Ich darf anders leben. Anders, aber mittlerweile richtig, richtig gut.